Posts mit dem Label Gedicht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gedicht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

25.10.2014 Das Flottenfahrrad und Heinz hat Angst vor Ebola und Kalle dichtet dagegen

An der "Flotte" am Stubbenbaum


Es gibt ganz, ganz gewiefte Alstadener. Hier ist wohl einer von den Gewieften in der "Flotte" am Stubbenbaum eingekehrt. Damit ihm sein tolles Fahrrad nicht geklaut wird, während er gerade für die Weiterfahrt ein, zwei Schlückchen Energie tankt, hat er sein Fahrrad nicht nur an den Schildermast gekettet - nein!- er hat's zusätzlich auf den Kopf gestellt, damit es niemand als Fahrrad erkennt und ihm zugleich das Hinterrad amputiert. Man kann in die Flotte auch einfach so: Ohne Schiff, ohne Fahrrad und auch ganz ohne Grund ... nur um nette Leute zu treffen, mit ihnen zu reden, mit ihnen zu essen und um mit ihnen zu trinken ... mal weniger ... mal etwas mehr.

- "Kehr Heinz, has'se noch immer nicht die OrgasmussSockens feddich gestrick'?"
- "Nä Kalle, dat Sitz'n hier in'ne Bude auf den klein Soffa macht mich ganz kirre. Ich hap an nix mehr Luss'. Sogaa' dä Assbach schmeck mich nich mehr so richtich. Ich muss einfach ma' widder raus in'ne weite Welt von die Flotte, der Kleine-Natrop, der Alstadener Hof, der Filmriss unn'e Flaßhof!"
- "Abba dein Gerda hat doch gesach', wennze mit Strick'n feddich biss, krisse Dein Schopper zurück un' darfs widder raus. Nu tu'ma entlich, Heinz!"
- "Abba et gelink'mich nix ... un' getz auch noch Ebbulla bei uns. Hasse in Fern geseh'n, Kalle? Da hat'uns so'n Schwatt'n Ebbulla hier in unser Stadt gemach'. Nä, Kalle, ich hat in den Pütt nich' soviel Angs' vor dat Schlagwetter wie getz hier auf meine alt'n Tage vor dat Ebbulla!"
- "Hömma Heinz, dat is' doch vorbei. Dat wa' doch der falsche Alarm von den Alarm. Der Schwatte hat nur der Dünnflitsch gehapp'."
- "Woher weiße dat Kalle?"
- "Von der Werner auß'e Daimler ... weiß'e der fliegende Pläboi, dä King von die 1 Euro-Lädens!"
- "Kannt' der Werner denn der Schwatten?"
- "Bestimmp! Der Werner kennt'se alle, un' der Werner weiß allet. Wennze dä Werner wat fragen tu's, dann weiß der dat schon, bevor'se der frachs'! Weiß'e dä sacht doch in'ne Kneipe auch immer dä schöne Spruch: Is wat Dünnflitsch in dein Mag'n, is' Dich mau an solche Tag'n"
- "Is dat auch'n Dichter? Wie Du, Kalle?"
- "Ja Heinz, dat is der ... noch besser als wie ich. Hömma, ich muss da ma' unbedink widder Ein'n rauslass'n. Ich hap da'n neuet Gedich' auf dat Ebbulla!"
- "Lass'et raus, Kalle. Lass'et einfach raus!!"
- "Dann hömma zu, Heinz:

Bis'se ma in Affrika,
pass Dich auf mit Ebbulla!
Bis'se an Himmalaja,
krisse ganz leich' Schneebbulla.
Bis'se dann bei Edeka,
sieh'se meine Olle da bei Kauf'n von Kotzmetika.

- "Dat is' aa'sch tiefgründich, Kalle. Wirklich Kalle!! Ich bin so ergriff'n, dat ich sofort 'n Schluck aus Dein Flachmann brauchen tu."
- "Hier has'se, Heinz, un' nimm' tüchtich!."
- "Prossata Kalle, auf Ebbulla un' alle!"





02.10.2014 Flotten Trecker in Alstaden und Kalle erklärt an Karl Lagerfeld Zeit und Verfall

Trecker neben der "Flotte"
Wir nannten sie Trecker. Einige wenige sagten Traktor dazu. Und die ganz Ausgebufften, die wirklich Informierten unter uns Jungs nannten sie Zugmaschinen. In den fünfziger Jahren sah, hörte & roch man noch einige der Trecker durch die Alstadener Straßen dieseln. Sie zogen Kohlenanhänger hinter sich her. Oder sie zogen - wie der Klüngelspitt (oder Klüngelskerl) mit seinem Trecker - einen Anhänger voller Schrott. Da gab es noch richtige, innerstädtische Schrottplätze. Und wenn man in der Schule nicht so richtig mitkam und nicht lernen wollte, wurde man von den Eltern gleich rhetorisch gefragt: "Sach'ma will'ze Klüngelspitt in dein Leb'n werden? Und anlässlich dieser Frage wusste man sofort, dass man sich im Unterricht wieder etwas mehr "anstrengen" musste, um später im Leben etwas 'Richtiges' werden zu können. Und etwas 'Richtiges' war man in den Augen der damaligen Nachkriegserwachsenen, wenn man es geschafft hatte, wohlhabend zu sein. Dabei war der Schrotthändler (der Klüngelspitt) damals einer der reichsten Mitbürger in unserem Viertel. 
Heute ziehen diese alten, nostalgisch aufbereiteten, bunt bemalten Trecker meist Karnevalswagen durch die Straßen. Diese Zugmaschinen hatten früher etwas wunderbar vertraut Stubsnasiges, sozusagen etwas Lebensbejahendes, etwas Lustiges, wenn sie tuckernd Rußwolken hinter sich her ziehend durch die Straßen nagelten. Jetzt aber scheinen sie, trotz ihres "Flotten" Auftritts eher traurig zu sein. Traurig dreinblickend wie die einst kraftvollen Ackergäule, die als billige Vorstadtzirkuspferden ausstaffiert und abgerichtet wurden. 
'Was ist Zeit?', werde ich hin und wieder gefragt. Und ich antworte: Zeit ist Verfall. Und dies zeigt sich besonders deutlich an der unzeitgemäßen Verjüngung und damit nostalgischen Ver-Wendung des Alten. Die meisten von Ihnen verstehen das Gemeinte sicherlich besonders gut, wenn ich veranschaulichend den Namen: Karl Lagerfeld hierher setze.

- "Sach'ma Heinz, kennz' der Lagerfeld?"
- "Is'dat der, der hier in'ne Benzstraße dat kleine Häusken hat?"
- "Nä, Heinz. Nä, der Ernst Lagerfeld mein'ich nich'!"
- "Hömma Kalle, dann kenn'ich nur noch dat Lager, abba ohne Feld dran. Weiß'e dat Bier, dat kennz Du doch bestimmp auch?"
- "Ja Heinz, dat Bier kenn'ich, dat schmeck mich abba nich. Dat Lager is'n Pissbier." 
- "Ich mein abba der Lagerfeld auße Mode, der mit die weiße Porücke, der immer die Kleiders für dat schöne Schiffer jenäht hat."
- "Ach du meinz der bekloppten Detleff, der die schwatten Hantschuh ohne Fingers vorne an hat, un der weißgemachtn Ferdeschwanz in Haar hat, un der wie so'n Schnellfeuergewähr sprich."
- "Genau Heinz, dä mein ich!!"
- "Der seh'ch scho'ma in'ne Glotze, kuck abba meis' wech bei diese Arschglocke. Wat willze von den, Kalle?"
- "Nix."
- "Wennze nix von den willz, warum frach'se mich dann Löcher in'ne Wampe nach den heiteitei Modedetleff?"
- "Sach'ma Heinz, hasse dich scho'ma Gedankens übbere Zeit gemacht?"
- "Kehr Kalle, getz hör abba ma entlich auf. Ers' komm'ße mich mit der scheiß Modedetleff un getz mit'ti Zeit. Fängse villeich widder mit dein fillesofischen Kram an? Trink dich lieba 'n Assbach, bevor'se diese äppeläp'ische Geis'sesanfälle bekommps."
- "Kumma Heinz, der olle Kaal Lagerfeld is zwei Zeit in eine Person. Wo gibbet dat schon?"
- " Versteh'ch nich'. Wie soll dat Kalle?"
- "Ja, kuck dich dä ma' doch'ma richtich an, Heinz. Der is' von vorn ne ägüppische Mumie un von hintn 'n wie so'n Magermoddell, un der kann so schnell sprech'n, dat der dabei wie in den Film zerrück inne Zukunft kommp. Der überholt sich bei'n Quasseln selps auf' rechte Spur von sein Leb'n un kommp inne Zukumf da an, wo der selps noch nich' gewesn is."
- "Is dat'de Rellatiwitätstherie?"
- "Du sach's'et Heinz!"
- "Un' wieso sieh'ße die olle Pappnase dann so off in den Onlein?"
- "Weil dat Internetz ebendt de Zunkumf is, Heinz."
- "Ich merk schon Kalle, Du bis widder so weit, dat ein raushau'n muss. Sach entlich dein neuet Gedich'."
- "Soll'ich ährlich, Heinz."
- "Kehr, mach' hin, Kalle!! Wir müss'n noch in'ne Flotte!"
- "Abba auf deine Verantwortung, Heinz. Also pass'auf. Der Titel von den Gedich' geht so: Zeit un' Alter un' Verfall.

Tut der Vergleich auch ziemlich humpeln,
In Alter Obs' un' Möpse schrumpeln.
Denn'et verfallen Zeit un' Welt,
Dat sieh'ße an Kaal Lagerfeld!

- "Alz'e dat Gedich' gemacht hass', Kalle, war'se abba so wat von knülle, wa?
- "Komm los, ich schiep Dich getz entlich zu'n Saufen, Heinz!"